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Laudatio auf
Prof. Dr. Martin Jänicke

 

Martin Jänicke ist für mich der deutsche Universitätsprofessor der Politikwissenschaft, der sich mit voller Kraft und aller Konsequenz der Ökologiefrage verschrieben hat. Er gehört zu den Ersten, die erkannten, dass exponentielles Bevölkerungs- und Industriewachstum zu einem Verbrauch an Ressourcen und einer Belastung der Umwelt führen, die auf Dauer physisch nicht durchhaltbar und ethisch nicht verantwortbar sind. Als Antwort auf diese Herausforderung entwickelte er das Konzept des ökologischen Strukturwandels der Industriegesellschaft, ein ressourcensparendes, umweltverträgliches und innovationsreiches Entwicklungsmodell, das rasch rezipiert wurde und sich variantenreich in weiten Teilen der Welt verbreitete: unter dem Begriff der „Ökologischen Modernisierung / „Ecological Modernisation“, der „Integrierten Kreislaufwirtschaft“ / „Integrated Circular Economy“ und auch entsprechender chinesischer und japanischer Begriffe.

 

Martin Jänicke gehört aber auch zu jenen, die früh und schnell erkannten, dass die vielfältige Überschreitung ökologischer Grenzen Konsequenzen haben muss für das Bildungssystem: dass sich die wissenschaftlichen Forschungs- und Lehreinrichtungen, insbesondere die Universitäten ökologisch engagieren müssen. Im Rahmen des Möglichen hat er alles erreicht, was dabei zu erreichen war: Die Forschungsstelle für Umweltpolitik (ffu) an der Freien Universität Berlin wurde unter seiner Leitung zu einem Zentrum der Umweltpolitikforschung in Deutschland. Stringente wissenschaftliche Arbeit, geschicktes Drittmittel-Management und aktive Kommunikation der Forschungsergebnisse machten diesen Erfolg möglich.

 

Martin Jänicke ist zunächst einmal ein Theoretiker erster Klasse. Er ist aber auch ein Pragmatiker, technologisch gar ein Optimist sondergleichen. Diese Mehrfachqualifikation machte ihn zu einem Anker der wissenschaftlichen Politikberatung. Er hat viel geschrieben, nicht nur in Deutsch sondern auch in Englisch. Mehrere Jahre seines Lebens hat er dem SRU (dem „Sachverständigenrat für Umweltfragen“) gewidmet, dessen Gutachten zwar in aller Regel sehr voluminös aber inhaltlich eine wahre Fundgrube sind – und dessen Reputation beispielhaft ist.

 

Viele der dort diskutierten Themen hat er an der Universität vorbehandeln beziehungsweise nachbehandeln lassen, wenn ihm das vorher oder aber nachher wichtig erschien. So haben denn unzählige junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen durch ihre Diplom- und Doktorarbeiten Zugang zu einer neuen Welt gefunden, in der der Schutz von Natur und Umwelt oberste Priorität hat.

 

Seine Tätigkeit als umweltpolitischer Berater begann in der Ära Willy Brandt, erstreckte sich danach auch über den deutschen Sprachraum hinaus: Er war in Europa unterwegs und auch in Asien. Vor wenigen Wochen erst schrieb er einen Aufsatz für das nächste Jahrbuch Ökologie zum Thema „Wachstum und Umwelt in China – Widersprüche mit System“.

 

Martin Jänicke ist Einer, der sich engagiert, der aber auch andere herausfordert und fördert. Er liebt den rationalen Diskurs über alles. Dem entsprechend kann er recht ungehalten werden, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält, unter Niveau diskutiert oder gar den ökologischen Imperativ negieren sollte. Privat aber ist er ein bescheidener, liebenswürdiger Mensch – eigentlich schon so etwas wie ein Muster für den Homo sustinens, den Menschen, den wir für die Zukunft suchen, den, der es mit der Nachhaltigkeit ernst meint.

 

In der Vergabe der besten Noten, das kann ich als vielfacher Mit-Doktorvater bezeugen, war und ist er mehr als knauserig. Es muss dabei nicht nur um konsistente Theorie, um valide Empirie, es muss auch um den großen Wurf gehen – nach dem Motto: „Eine anspruchsvollere Umweltpolitik ist möglich!“

 

Als Universitätsprofessor ist Martin Jänicke inzwischen emeritiert. Doch das merkt man ihm nicht an. Schließlich ist, wie er selber oft gesagt hat, kein Politikfeld so wissenschaftsintensiv wie die Umweltpolitik. Da bleibt noch viel zu tun, da kommt ja auch laufend was hinzu. Dieses Feld muss also weiter bestellt werden - Urban mining eingeschlossen.

 

Vielleicht steht ihm dabei auch – so wie mir - ein Spruch vor Augen, den ein verehrter amerikanischer Kollege auf die Frage äußerte, weshalb er denn mit 90 Jahren immer noch so aktiv sei? Der Kollege anwortete: „Remain usefully involved – resist retirement!“

 

Lieber Martin, ich gratuliere Dir zum „Urban Mining Award 2013“ – Du hast diese Auszeichnung wirklich verdient. Und vielleicht reizt es Dich, das entscheidende Buch zum Thema zu schreiben, das es noch (immer) nicht gibt. Dem Urban Mining e.V. danke ich, dass er Dich entdeckt hat – und Dir so zugleich Dank abstattet für eine arbeitsreiche, aber auch spannende und freudenreiche Lebensleistung. Die Zahl Deiner Arbeiten - der Bücher, Gutachten, Aufsätze und Vorträge - ist Legion. Doch da sind auch die vielen Studenten und Studentinnen, die Du das ökologische Denken gelehrt und in denen Du umweltpolitische Neugierde geweckt hast.

 

Ich wünsche Dir und uns allen, dass Dein großes Engagement noch länger anhalten möge. Mir selbst wünsche ich, dass wir bald mal wieder bei Deinem Lieblings-Italiener gemeinsam zum Essen gehen!

 

Udo Ernst Simonis
Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)

 

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